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Eva Braun: Leben mit Hitler von Heike B. Görtemaker

Gebundene Ausgabe von C.H. Beck
Preis bei Amazon: EUR 24,95, Angebote ab EUR 19,89

4,5 von 5 Punkten
4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3406585140, Erscheinungsdatum: Februar 2010, Auflage: 1
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5 Kundenrezensionen:

"Eva Braun. Ihr Pakt mit dem Bösen....."
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
.....so lautete die in großen roten Lettern geschriebene Titelstory der siebten Ausgabe des Hamburger Wochenmagazins "Stern", die am 11. Februar 2010 in den Vekauf gelangte. Der kleinformatige, in schwarz geschriebene Untertitel lautete: "Die neue Sicht auf Hitlers Geliebte". Das gesamte Cover wurde beherrscht durch ein Porträtfoto der Protagonistin. Ein weitaus kleineres Bild in der rechten unteren Ecke zeigte ihren uniformierten und mit dem EK II dekorierten Auserwählten. Die mehrseitige Titelstory startete auf Seite 73 und schloß mit einem Hinweis auf das zwei Tage zuvor erschienene "Eva Braun. Leben mit Hitler" von Heike B. Görtemakers.....

...in dem Eva Anna Paula Braun, die nur für einen Tag den Namen Hitler tragen sollte, nicht mehr die Rolle einer bloßen historischen Randfigur oder ein tragisches Frauenschicksal verkörpert. Die Autorin geht nicht nur der Frage nach, wer diese Frau eigentlich war, sondern auch der dadurch eröffneten Sicht, die sich durch Eva Braun auf den "Jahrhundertverbrecher" gewinnen lässt (Seite 11). Hierzu wird ihr soziales, kulturelles und politisches Umfeld näher betrachtet. So entsprach ihr Lebensstil ganz und garnicht dem von der NS-Ideologie propagierten "Leitbild für die deutsche Frau", die vor allem Mutter zu sein und ihrem Mann brav den Haushalt zu hüten hatte. Sie hingegen wollte (wie auch Hitler) keinesfalls eigene Kinder, liebte jedoch Mode, Film und Jazz (!) und las sogar nach 1933 in Deutschland verbotene Werke von Oscar Wilde. Jung, blond, sportlich und lebenslustig bot sie zudem ein Bild, das demjenigen Hitlers auch optisch diamentral entgegen stand.....

Heike B. Görtemaker zeichnet den Weg und nennt die Faktoren, die aus einem 17jährigen Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen eine kompromißlose Verfechterin einer unbedingten Treue werden ließen. Die Autorin kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass Eva Braun keinesfalls als gänzlich unpolitisches Blondchen betrachtet werden kann. Denn auch im engeren Kreis des NS-Diktators habe es keine "private Sphäre", in der nicht über Politik gesprochen wurde und in der die NS-Ideologie keine Rolle gespielt hätte, gegeben. Daher geht Görtemaker davon aus, dass auch Eva Braun - wie alle Frauen in Hitlers Umkreis - die antisemitischen und rassistischen Ansichten und die aggressive Kriegspolitik der NS-Ideologie teilte. Auch eine sexuelle Beziehung zwischen Braun und dem 23 Jahre älteren Hitler steht für die Autorin außer Frage.

"Fräulein" Braun wurde der Öffentlichkeit vorenthalten, da sie nicht in das von der Propaganda gezeichnete Bild des "Führers" passte, der schließlich nur "mit dem deutschen Volk verheiratet" gewesen sei. Für ein priviligiertes Leben in Luxus mit Reisen und teuren Kleidern und gelegentlicher Nähe als Fotauf dem "Berghof" nahm sie dies jedoch in Kauf. Die Eheschließung am 29. April 1945 markierte das Ziel ihrer Scheinwelt, die am Tag darauf mit dem doppelten Suizid ihr endgültiges Ende finden sollte.

Die wissenschaftliche Fleissarbeit Görtemakers offenbart sich in einem Anhang, zu dem neben einem Nachweis für zahlreiche (vornehmliche schwarz-weisse Fotos) und einem Personenregister auch ein 67seitiges (!) Anmerkungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis gehört.

5 Amazonsterne für ein mit Spannung zu lesendes historisches Sachbuch, das auch jene, in der bisherigen "Erinnerungsliteratur" weniger oder überhaupt nicht betrachtete "private" Aspekte beleuchtet, in den historischen Gesamtkomplex einbettet und daher auch an keiner Stelle den Blick auf die NS-Verbrechen vergessen lässt.
"Ich möchte eine schöne Leiche sein, ich nehme Gift"
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
...soll Eva Braun bei einer der nächtlichen Teerunden im Führerbunker gesagt haben - kurz vor ihrem Selbstmord, gemeinsam mit Hitler.

Eva Braun, die Frau an Hitlers Seite, sorgt bis heute für zahlreiche Spekulationen. Ist sie das dümmliche Blondchen, das "Tschapperl", das Hitler so gerne mochte, weil sie hübsch, naiv und treu war? Weil sie ihn bedingungslos liebte und vergötterte? Und was genau lief da eigentlich zwischen Frau Braun und ihrem Liebhaber?
Eva Braun hat für eine rege Legendenbildung gesorgt. Kaum zu glauben, dass die Geliebte Hitlers zu Lebzeiten nur dem handverlesenen "inneren Kreis" um den "Führer" bekannt war. Als kurz nach Kriegsende die Nachricht in Umlauf gelangte, dass Hitler eine Geliebte gehabt (und zwar eine leibhaftige und nicht etwa das ständig zitierte "deutsche Volk"!) und diese sogar noch geheiratet hätte, gingen die meisten von einem "Latrinenwitz" aus, einer Verschwörung, die den Führer beschmutzen wollte o.ä.

Die Historikerin Heike B. Görtemaker hat sich nun auf Spurensuche begeben. Mit diesem Buch legt sie die erste quellenkritische Monographie über Eva Braun vor. Die in den späten 60er Jahren entstandene Biographie vom türkisch-amerikanischen Journalisten Dr. Nerin Emrullah Gün (in den USA später in Gun umbenannt) wird hier kritisch hinterfragt. Görtemaker analysiert die Vorgehensweise Guns und stellt bald fest, dass sie wissenschaftlichen Maßstäben nicht gerecht wird - so basieren seine Ausführungen weitgehend auf den Angaben von Verwandten und Bekannten, die freilich die eigene Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus gehörig beschönigen wollen. Das Familienleben der Brauns gestaltete sich beispielsweise bei Weitem nicht so harmonisch, wie das bei Gun nachzulesen ist (auf den Aussagen der Mutter Eva Brauns basierend). Die Eltern waren sogar zwischenzeitlich geschieden, mussten sich aus finanziellen Gründen in Zeiten der Hyperinflation allerdings wieder zusammentun.

Görtemaker hat verschiedene Archivalien, Briefe u.v.m. ausgewertet und in ihre Darstellung mit aufgenommen. Bald wird klar - und die Autorin leugnet das auch nicht - dass genaue Aussagen zum Privatleben Hitlers kaum möglich sind. Kurz vor seinem Tod gab er nämlich noch die Vernichtung aller persönlichen Unterlagen in Auftrag.
Doch trotz dieser prekären Quellenlage ist der Historikerin ein spannendes und informatives Buch gelungen, das ich innerhalb von kürzester Zeit verschlungen habe. Die Autorin kann durch fundiertes historisches Wissen (nicht nur zu Eva Braun) überzeugen. Auch ihr Schreibstil ist sehr gut lesbar. Als Leser bekommt man einen hervorragenden Einblick in die damalige Zeit, in die Geschehnisse auf dem Berghof, in Berlin und in München, wo Hitler seine 23 Jahre jüngere Freundin kennen gelernt hatte. Man erfährt etwas über die Beziehung zwischen Hitler und Braun, darüber, dass die junge Frau an der Schwelle zum Erwachsenwerden schon so "verrückt" nach ihrem älteren Geliebten war, dass sie mehrfach einen Selbstmord inszenierte, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Außerdem wird hier mit vielen Gerüchten aufgeräumt, so z.B., dass Hitler mit Frauen nie über Politik gesprochen hätte. Auf dem Berghof ging es bei Weitem nicht nur um "Hundezucht, Ernährungsfragen und Kunst" - diese nachträglichen Behauptungen von Zeitgenossen sind reine Schutzbehauptungen.
Eva Braun wusste sehr wohl über viele Dinge Bescheid - und akzeptierte sie. Bis zum Schluss, denn wie Hitler war sie bis zu ihrem Tod der Überzeugung, dass es nur eines gebe: Alles oder eben nichts.

Obwohl das Buch wissenschaftlich korrekt erarbeitet wurde, ist es kein bisschen trocken oder langweilig. Manchmal musste ich sogar laut lachen, z.B. wenn es um posthume Gerüchte um Hitler und seine Frau geht. So ging der US-Geheimdienst z.B. ernsthaft der Behauptung nach, dass Hitler gemeinsam mit Eva Braun und Martin Bormann ein Cafe in Amsterdam eröffnet hätte :)
Oder Görtemaker zitiert Robert Ley, der über den gelernten Landwirt Bormann gesagt haben soll, er wäre ein "ungeschlachteter (sic!) Bauer" gewesen. Da kann man sich ein Lächeln nicht verkneifen...

Die vielen Fotografien ergänzen den Text hervorragend. Sie spiegeln Stimmungen wider, die z.B. auf dem Berghof herrschten. Fotos sind hier allein schon deshalb unerlässlich, weil Eva Braun Fotolaborantin war und Hitler im Münchner Laden ihres Arbeitsgebers, Heinrich Hoffmann (Hitlers Leibfotograf) kennen gelernt hatte. Braun hat immer viel fotografiert und gefilmt, oft auch um sich von angespannten Situationen abzulenken.

Fazit: Das Buch ist eine spannende und informative Möglichkeit, sich über ein Thema zu informieren, das sicherlich viele Menschen interessiert: Hitlers Privatleben. Gut, dass Görtemaker hier wissenschaftlich gearbeitet hat. Auf diese Weise bleiben zwar einige Leerstellen, aber alles andere gehört nun mal ins Reich der Fantasie...
Sehr zu empfehlen!
Gut recherchiertes Buch
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
über Hitler und sein Umfeld. Gute Zusammenstellung der Nazizeit. Für mich jedoch gar nichts Neues und schon gar keine neuen Erkenntnisse über das Leben mit Eva Braun.
Lesenswert
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Heike Görtemaker legt hier eine äusserst lesenswerte und interessante Biographie von Eva Braun vor. Besonders gelungen sind die vielen Schwarzweiss- und Farb(!)fotos von Braun, Hitler und dem Berghof. Die Autorin ordnet die Person Eva Brauns in den Kontext des Hofstaats am Berghof ein und beleuchtet aus dieser Perspektive Hitlers Führungsstil.
Eine Annäherung an die Persönlichkeit Eva Brauns gelingt hingegen nicht so gut. Dafür ist die Quellenlage wohl dann doch zu dürftig und zu widersprüchlich.
Mitunter aufschlussreiche Bilder
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Dem Leben der Eva Braun ist die Erfüllung ihres Wunsches gerecht geworden.
Sie hat den zum Mann bekommen, den sie wollte
Was wird uns mit diesem Buch wiederum geboten?
Eine Abfolge von Ereignissen, die wir zum Teil schon kennen und immer wieder schütteln wir Leser den Kopf ob derartiger Naivitäten, die nebenbei erwähnt werden.
Natürlich ist die historische Forschung daran interessiert, wie Privates und Intimes gerade aus dieser angesprochenen Zeit zu interpretieren ist, aber die Öffentlichkeit wartet immer noch auf wirklich Pikantes.

Nehmen wir zum Beispiel die Bilder aus diesem Buch, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich deutsche Eigentümlichkeit in allen Belangen zeigt, Ausnahme vielleicht das Bild auf Seite 127, es zeigt ein relativ skeptisches Gesicht von Margarete Speer, aber was soll das schon bedeuten?
Mode der Zeit, etwas Militärisches immer dazwischen, Belanglosigkeit auf vielen Bildern und Seiten und doch das Verbrechen hinter allem, das grausame Kriegsgeschehen und die Brutalität der Ausrottung von anders denkenden Menschen, die man dazu noch rassisch in die Ecke stellte.
Dabei ging es doch nur um Macht und Ausübung derselben auf deutsche Art, also gewachsenermaßen gründlich.

Und unter welchen Umständen, das wäre vielleicht noch zu loben in diesem Buch,
denn auf Seite 218 sehen wir einen verzückten Machthaber vor dem Linzer Stadmodell mit geradzu häschenhaften vor Freude zitternden Händchen, wir wir ihn vielleicht noch nicht gesehen haben.
Hätte man ihn doch seinerzeit aufgenommen in die Akademie, meinetwegen als naiven
oder wie auch immer Maler, das hätte ihm und auch uns besser getan.
Wie gesagt, nichts Neues, soweit ich sehe, aber gute Bilder.
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Produkt-Bild: "Mein Kriegsende". Zeitzeugen aus Niedersachsen erinnern sich

"Mein Kriegsende". Zeitzeugen aus Niedersachsen erinnern sich von Angela Kröger, Kurt Behrendorf, Otto Bleeck

Gebundene Ausgabe von Schlütersche
Preis bei Amazon: EUR 4,99, Angebote ab EUR 3,00

4,5 von 5 Punkten
4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3899937112, Erscheinungsdatum: April 2005, Auflage: vergriffen, keine Neuauflage
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2 Kundenrezensionen:

Interessante Sammlung verschiedenster Schilderungen
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Das Buch beinhaltet mehrere kurz gehaltene Erinnerungen von Niedersachsen, die das Kriegsende zumeist als Jugendliche oder gar als Kinder erlebten. Nachdem ich das Buch gelesen habe, war mir schon ersichtlich, warum diese Generation auch als "Hamster-Generation" bezeichnet wird. Viele Geschichten beinhalten neben den Kriegserinnerungen auch auf die Schwierigkeiten bei der Lebensmittelversorgung oder der allgemeinen Versorgung mit den täglich Notwendigen Dingen.
Insgesamt ist dies eine sehr interessante Auflistung von Zeitzeugen-Berichten auf dem Weg zum Kriegsende 1945.
Unglaublich packend
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Das Buch ist unglaublich packend, ich hätte es am liebsten in einem Stück gelesen! Diejenigen, die das Kriegsende erlebt haben, berichten hautnah von ihren Erlebnissen - von dramatisch bis heiter.
Leider ist die Anzahl der Geschichten auf rund 30 beschränkt, da hätten es gerne noch mehr sein können!
Zu den Geschichten gibt es zahlreiche Fotos aus der Kriegszeit, die die einzelnen Passagen noch deutlicher wirken lassen. Am Ende einer jeden Geschichte ist ein aktuelles Bild des- bzw. derjenigen, die diese Geschichte erlebt hat - eine schöne Idee!
Ich kann "Mein Kriegsende" nur weiterempfehlen!
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Produkt-Bild: Manifest der Kommunistischen Partei

Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx, Friedrich Engels

Taschenbuch von Reclam, Ditzingen
Preis bei Amazon: EUR 3,00, Angebote ab EUR 0,75

4 von 5 Punkten
4 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3150083230, Erscheinungsdatum: 1986
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5 Kundenrezensionen:

Ein philosophisches und sprachliches Ereignis, politisches Dynamit
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
So fatal oder mindestens illusionär Marx' und Engels' Prognose mit Blick auf die "historische Mission der Arbeiterklasse" gewesen sein mag, so genial erscheint ihre Analyse der sich herausbildenden modernen bürgerlichen Gesellschaft in Bezug auf die Rolle der Bourgeoisie, die diese fortdauernde Modernität überhaupt erst herstellt. Ein grandioser geschichtlicher Siegeszug! Die Beschreibung und Analyse dessen befindet sich in der ersten Hälfte des Bändchens, also vorn unter "Bourgeois und Proletarier". Offenbar bewundert gerade Marx die intellektuelle und schöpferische Kraft des neuzeitlichen politischen und ökonomischen Liberalismus, den Geist der pragmatischen Versachlichung und die klärende Gewalt der Säkularisation bzw. Aufklärung. Andererseits weiß er um den Preis des Fortschritts und um die Menschen verschlingende Dimension der "ursprünglichen Akkumulation des Kapitals". So sehr Marx als Utopist in der Prognose gelten kann, so beeindruckend ist er Realist mit Blick auf die Lage. Das menschliche Geschick mit dem nüchternen Auge des historischen Materialismus anzusehen dürfte die eigentliche revolutionäre Dimension dieser kleinen Programmschrift sein. Nicht minder aber kann dieses Bändchen selbst Nichtmarxisten als literarisches Ereignis ersten Ranges gelten. Seine Sprache ist so genau wie leidenschaftlich und farbig. Der Leser spürt, wie infiziert Marx von seinem eigenen Anspruch ist, den er in der elften Feuerbachthese ausdrückt - die Welt eben nicht nur zu erklären, sondern zu verändern.
Programmatik des Kommunismus ohne Rechtfertigung
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
In dieser Schrift analysieren und deuten Marx und Engels die Geschichte, Vergangenheit und Gegenwart. Sie erläutern die Begriffe Bourgeoisie, Proletariat, Klassenkampf, Kapital und Lohnarbeit. Zudem erläutern sie den Kommunismus und den Sozialismus und geben des ersteren Ziele und zu ergreifende Maßnahmen an - ohne sie freilich zu rechtfertigen.

Die Diagnostik der gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Gegenwart und des Kapitalismus wirkt nicht unbedingt so, als seien sie per se zu verurteilen. Zurück ins Mittelalter wollen Marx und Engels nicht.

Ein Manko ihrer radikalen Gegenwartsdiagnose mag sein, daß sie nur zufällige Erscheinungen des Kapitalimus als dessen Wesen ausmachen, und das heißt, dass der Kapitalismus viel wandlungsfähiger ist als gedacht. Ein anderes Manko mag sein, dass sie die gesellschaftlichen Verhältnisse ausschließlich als Klassenverhältnisse interpretieren.

Welche potentielle Gefahr in der Verwirklichung ihrer Maßnahmen stecken könnte, lässt sich an einer Formulierung ablesen, nach der eines ihrer Ziele sei, die "Aufhebung der Person des bürgerlichen Eigentümers" anzustreben. So eine Formulierung ist interpretationsbedürftig. Zudem ist es problematisch, dass sie der Meinung sind, dass das bürgerliche Recht zu den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen gehört, und dass daraus zu schließen ist, dass es mit ihrer Überwindung auch abgeschafft gehört.

Wenn es nicht nur um die Diagnose der gegenwärtigen und vergangenen Gesellschaftsverhältnisse sondern sogar um die Vorhersage der Zukunft geht, mag ihre theoretische Herangehensweise problematisch sein. Marx und Engels tragen nämlich ein nicht empirisch abgeleitetes A priori an die zu analysierenden Verhältnisse heran.

Sie behaupten, dass der Kapitalismus sich selbst und seine Grundlagen in Frage stellt (A priori der Selbstaufhebung), und dass die Geschichte aus Klassengegensätzen besteht, es am Ende nur zwei Klassen geben wird, und ihre Gegensätze sich schließlich aufheben werden (A priori der gegenseitigen Aufhebung).

Zu wünschen wäre nicht nur eine Erläuterung der Programmatik des Kommunismus, sondern auch deren Rechtfertigung, die hier nicht vorgenommen wurde.
Historische Altlast
1 von 5 Punkten 1 von 5 Punkten
Was bleibt vom Marxismus nach über 160 Jahren ? Karl Marx gebührt der Verdienst, dass er neben vielen anderen sozial orientierten Menschen seiner Zeit auf das Elend und die Not der Arbeiter zu Beginn der Industrialisierung aufmerksam gemacht hat. Seine politische Theorie über Staat und Gesellschaft ist falsch. Nicht nur, weil sie nach über 160 Jahren von der Geschichte widerlegt worden ist. Die von Marx gemachten Vorhersagen über den Geschichtsverlauf sind nicht eingetroffen. Aber gerade aus der Behauptung heraus, den Geschichtsverlauf vorhersagen zu können,
erhob er den Anspruch auf die "Wissenschaftlichkeit" seiner Ausführungen zum Sozialismus. Schon zu seinen Lebzeiten wurde der Marxismus stark kritisiert und in Teilen widerlegt. Die reformerischen Ansätze von Eduard Bernstein waren ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Marx wird immer wieder als Verdienst angerechnet, dass er die Konzentration des Kapitals im Kapitalismus vorhergesagt hat. Da war er aber nicht der einzige, sondern einer von vielen seiner Zeitepoche. Um diese Tendenz zu erkennen, muss man keine große Leuchte sein. Trotz der gegenwärtigen Krise wird es keinen Zusammenbruch des Kapitalismus auf der Welt geben, weil der Kapitalismus trotz aller Fehler und Krisen funktioniert. Wichtig ist, der Marktwirtschaft Regeln zu geben und für eine ausreichende Umverteilung über den Staat durch eine angemessene Sozialpolitik zu sorgen.
Zu nennen ist unter anderem auch die ablehnende Haltung von Marx zum demokratischen Verfassungsstaat. Er ist der einzig richtige Weg, um über demokratische politische Prozesse eine gerechte Verteilung des Bruttosozialproduktes anzustreben. Die Auffassung von Marx über Demokratie und Staat führt zwangsläufig zum Totalitarismus. Was den Punkt betrifft, empfehle ich die Lektüre von Hannah Arendt. Wenn ich an Karl Marx denke, denke ich vor allem an die Millionen Menschen, die im Namen seiner Ideologie ermordet und zugrunde gegangen sind. Deswegen gehört der Marxismus dahin, wo er ist. Auf den Müllhaufen der Geschichte.
Ein wichtiges Buch
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Dieses ist einer der besten Büchern, die ich gelesen habe. Es half mir die Struktur der Gesellshaft und die Verbindung zwischen Ideologie und Wirtschaft zu verstehen.
wichtige Quelle
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
selbstverständlich bietet ein über 160 Jahre altes Büchlein wenig Lösungsansätze für die komplexeren Probleme unserer Zeit. Allerdings ist Forderung nach sozialer immer noch aktuell.

Erläutert werden die von Friedrich Engels und Karl Marx festgelegten Standpunkte der Kommunistischen Partei bezüglich Proletariat, Kapital, Besitz und Staat.
In den anhängenden Grundsätzen des Kommunismus beantwortet Friedrich Engels noch einmal 25 selbstgestellte Fragen in einfacher Sprache, dass auch ein damaliger Arbeiter die wichtigsten Punkte versteht.

Dieses Buch bleibt aber für die Politikwissenschaft und Staatsphilosophie eine wichtige unerläßliche Quelle.
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Produkt-Bild: Krankes Geld - kranke Welt: Analyse und Therapie der globalen Depression

Krankes Geld - kranke Welt: Analyse und Therapie der globalen Depression von Gregor Hochreiter

Broschiert von Resch, Gräfelfing
Preis bei Amazon: EUR 19,90, Angebote ab EUR 13,90

5 von 5 Punkten
5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3935197942, Erscheinungsdatum: Januar 2010, Auflage: 1., Auflage
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Eine Kundenrezension:

Herausragende Analyse und Therapie der Überschuldungskrise!
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Falsche Theorien führen notwendigerweise in die Katastrophe. Wer die Bedrohung nicht erkennt, weil sie begrifflich nicht erfassbar ist, wird von einem Börsenkrach, einer Hyperinflation oder einem Staatsbankrott überrascht. In für jedermann verständlicher Form gibt Gregor Hochreiter dem Leser das Rüstzeug, die tatsächlichen Ursachen der aktuellen Finanz-/Wirtschaftskrise, die eigentlich eine Verschuldungskrise ist, zu erkennen. Hinter dem Versuch, der Wohlstandsentwicklung über die künstliche Mehrung des Geldangebots nachzuhelfen, steckt der Hauptgrund für die wiederkehrenden Wirtschaftskrisen. Hochreiter entlarvt die Verschuldungsorgien von Politik und Geschäfts-/Zentralbanken als staatlich legitimiertes Schneeballsystem, dessen garantierter Zusammenbruch die Gefahr eines erneuten totalitären Staates heraufbeschwört. Trotz der düsteren ökonomischen Zukunft schafft es Hochreiter, sinnvolle Perspektiven für das eigene Handeln aufzuzeigen. Gerade dies macht das Buch neben der meisterhaften Analyse der gesellschaftlichen Realität zu einem der wichtigsten Bücher der letzten Jahre.
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Produkt-Bild: Geschichte unterrichten: Eine Einführung in die Didaktik und Methodik

Geschichte unterrichten: Eine Einführung in die Didaktik und Methodik von Michael Sauer

Taschenbuch von Kallmeyer
Preis bei Amazon: EUR 17,50

4,5 von 5 Punkten
4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3780049252, Erscheinungsdatum: 2006, Auflage: 7., aktualis. u. erw. Aufl.
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3 Kundenrezensionen:

Optimal fürs Studium
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten


Im Gegensatz zu anderen Büchern für das Geschichte Studium ist dieses wirklich eine Hilfe beim Lernen! Wo andere Bücher eher mehr Arbeit als Nutzen bringen glänzt dieses Buch durch eine klare Gliederung und treffende Inhalte!

Sehr nützlich fürs Studium!
Pflichtlektüre für jeden Geschichtslehrer
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Das Buch von Michael Sauer erleichtert den Einstieg in das Fach Geschichte als Lehrender. Daher ist dieses Werk hervoragend für Referendare geeignet.
Sauer streift die Theorie nur am Rande und legt den Fokus auf die Unterrichtspraxis.
Sehr empfehlenswert.
"[S]o viel Praxis wie möglich, so viel Theorie wie nötig" (5)
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Michael Sauers "Geschichte unterrichten", 2006 bereits in fünfter Auflage erschienen, ist das Standardwerk für angehende GeschichtslehrerInnen: "[S]o viel Praxis wie möglich, so viel Theorie wie nötig" (5) verspricht der Autor in der Einleitung. Diesem Anspruch wird die Darstellung größtenteils gerecht, auch wenn man die Praxis natürlich nur an einem Ort lernen kann: Im Klassenraum.

Zu Beginn der Darstellung erläutert Sauer den auf Jeismann zurückgehenden Begriff des Geschichtsbewusstseins, der "in den letzten Jahren zu einem zentralen Begriff der Geschichtsdidaktik geworden" (9) ist: "Nur der Mensch ist in der Lage, langfristig Erfahrungen zu sammeln, zu tradieren, auf die Gegenwart beziehen, sich selber, seine Mitmenschen und seine Welt als geschichtlich wahrzunehmen: Geschichtsbewusstsein - in welcher Form auch immer - ist eine Eigentümlichkeit und ein Wesensmerkmal des Menschen" (ebd.).

Nach einer grundlegenden Einführung in lernpsychologische Aspekte beschäftigt sich die Darstellung im Folgenden mit "Themen - Auswahl, Strukturierung, Zugänge" (Kapitel 3), "Lehren und Lernen - Prinzipien und Methoden" (Kapitel 4), "Medien" (Kapitel 5) und "Dokumentation und Präsentation" (Kapitel 6). Jedes Kapitel ist in zahlreiche Unterabschnitte unterteilt. In Kapitel 4, zum Beispiel, werden verschiedene Unterrichtsprinzipien, also "Leitlinien und Grundsätze [...], die dem Unterricht zugrunde liegen sollten" (76), wie Alteritätserfahrung, Personalisierung und Personifizierung oder Handlungsorientierung vorgestellt. Im Folgenden wird auf die unterschiedlichen Möglichkeiten der Unterrichtsplanung sowie auf die vor allem für Unterrichtsbesuche anzufertigenden Verlaufskonzepte eingegangen. Schließlich werden verschiedene Unterrichtsformen wie Lernziele oder Projektarbeit analysiert.

Dank der übersichtlichen Struktur eignet sich "Geschichte unterrichten" nicht nur als Einführung, sondern auch als Nachschlagewerk. Braucht man Informationen zum Umgang mit einem bestimmten Medium im Unterricht, bekommt der Leser auf wenigen Seiten die wichtigsten Informationen zu diesem Thema präsentiert. Insgesamt bleibt die Darstellung empfehlenswert, wobei sie allerdings nicht adäquat auf die Praxis vorbereiten kann. Kein Buch kann tägliche Erfahrung auch nur annähernd ersetzen.
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Produkt-Bild: Fragen an das MfS: Auskünfte über eine Behörde

Fragen an das MfS: Auskünfte über eine Behörde von Werner Großmann, Wolfgang Schwanitz (Herausgeber)

Broschiert von edition ost
Preis bei Amazon: EUR 17,95

5 von 5 Punkten
5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3360018133, Erscheinungsdatum: Februar 2010, Auflage: 1
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Eine Kundenrezension:

Hervorragende Objektivität
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Habe mir das Buch gleich nach seinem Erscheinen gekauft und bin begeistert. Endlich mal keine Indoktrinierungsversuche im Rahmen der einzig akzeptierten öffentlichen Meinung, sondern eine sehr selbstkritische, unverklärte und damit objekte Rezension zur Geschichte und Arbeit des MfS. Kurzweilig und interessant. Volle Empfehlung.
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Produkt-Bild: Die Rückkehr des Meisters: Keynes für das 21. Jahrhundert

Die Rückkehr des Meisters: Keynes für das 21. Jahrhundert von Robert Skidelsky

Gebundene Ausgabe von Kunstmann
Preis bei Amazon: EUR 19,90, Angebote ab EUR 15,90

ISBN: 3888976472, Erscheinungsdatum: März 2010
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Produkt-Bild: Im Dienst des Diktators: Leben und Flucht eines nordkoreanischen Agenten

Im Dienst des Diktators: Leben und Flucht eines nordkoreanischen Agenten von Ingrid Steiner-Gashi, Dardan Gashi

Gebundene Ausgabe von Ueberreuter
Preis bei Amazon: EUR 19,95

ISBN: 3800074508, Erscheinungsdatum: März 2010
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Produkt-Bild: Wahre Geschichten aus dem Mittelalter: Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst

Wahre Geschichten aus dem Mittelalter: Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst von Arnold Esch

Gebundene Ausgabe von C.H. Beck
Preis bei Amazon: EUR 22,95, Angebote ab EUR 18,77

ISBN: 3406601332, Erscheinungsdatum: Januar 2010, Auflage: 1
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Produkt-Bild: Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts

Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts von Jürgen Osterhammel

Gebundene Ausgabe von C.H.Beck
Preis bei Amazon: EUR 49,90, Angebote ab EUR 42,94

5 von 5 Punkten
5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3406582834, Erscheinungsdatum: April 2009, Auflage: 4. Aktual.
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5 Kundenrezensionen:

Lebendige Geschichte für Jedermann
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Ich habe mir dieses Buch im Zuge einer Lehrveranstaltung meines Studiums gekauft. Doch etwas erschrocken war ich über den Umfang des Buches, zumal die Schriftgröße auch eher klein ist. Auch der Kaufpreis ist für einen Studenten wie mich nicht gerade günstig und wer nicht regelmäßig seine Arme trainiert wird mit der Handhabung auch seine Probleme haben. Sinnvoll wäre die Benutzung eines Foliantenhalters, oder der Verlag unterteilt das Buch in einzelne Bände.

Tatsächlich entpuppte sich das Buch als eine interessante Lektüre, obwohl ich in der Freizeit eher Fantasybüchern und historischen Romanen den Vorzug gebe, las ich das Buch mit stetigem Interesse und würde es an diesem Zeitpunkt auch als gute Freizeitlektüre bezeichnen, wenn man sich für den geschichtlichen Inhalt interessiert. Viele Fachbücher, die im Rahmen universitärer Kurse angepriesen und vorausgesetzt werden, sind schwer zugänglich und staubtrocken geschrieben. Osterhammels Buch hingegen liest sich wie ein anspruchsvoller Roman und schafft ein Werk, welches ich als "Infotainment" bezeichnen würde. Da die Kapitel inhaltlich nicht zwingend aufeinander aufbauen, sondern auch getrennt und unabhängig gelesen werden können, bietet es sich auch als Nachschlagewerk für Abiturienten oder Studenten an.

Zusammenfassend also eine 5-Sterne-Bewertung mit Vorbehalt wegen des Preises und der Handhabung.

Hier eine kurze Zusammenfassung des Buches, die mit meiner Rezension nichts mehr zu tun hat

Das opulente Werk Die Verwandlung der Welt von Jürgen Osterhammel erzählt die Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts auf eine facettenreiche und schwungvolle Art und Weise. Aus einer Vielzahl von Quellen und unterschiedlicher Blickwinkel gibt er einen tiefreichenden Einblick in die Zeitepoche des 19. Jahrhunderts. Er beschreibt dieses Epoche als das erste globale Jahrhundert und das letzte europäisch dominierte.
Das Ziel seines Buches ist eine Abweichung von der traditionellen eurozentrischen Geschichtsdokumentation und das Aufzeigen von Strukturen und Mustern, Gemeinsamkeiten und Unterschieden, Zäsuren und Kontinuitäten. Dadurch entfernt sich sein Werk von den Standartbegriffen des Kolonialismus und Industrielle Revolution und zeichnet einen weitaus umfassenderen Rahmen, der Natur-Menschbeziehungen, Krankheit und Andersartigkeit, Besonderheiten von Urbanisierung, unterschiedliche Formen von Bürgerlichkeit, Migration und Sesshaftigkeit sowie Religiosität und Säkularisierung mit einbezieht. Er betrachtet weniger die traditionell betrachteten Ereignisse wie Schlachten, Krisen etc. sondern vielmehr weltweit entstehende Phänomene und Ereignisse und versucht diese miteinander in Beziehung zu bringen. Dabei stellt Osterhammel immer wieder einen Bezug zur Realität her und verlässt auch bei geschichtlichen Rückblicken immer wieder bewusst das Zeitfenster des 19. Jahrhunderts. Ihm zufolge können Prozesse und Kontinuitäten im 19. Jahrhundert nur verstanden werden, wenn sie in ihrer Gesamtheit Epochen übergreifend betrachtet werden. Sein Buch hat dadurch den nicht geringen Anspruch, dem Leser eine weltgeschichtliche Perspektive aufzuzeigen, indem er von Europa beginnend unter einer Vielzahl von Aspekten über den Erdball schweift und die Herauslösung von Japan, China und den USA aus der Peripherie beschreibt.
Er beginnt seine Erzählung mit dem Hinweis, dass mit Schildkröte Hariett, die Charles Darwin von seinen Forschungsreisen mitgebracht hatte, im Jahr 2006 die letzte Zeitzeugin des 19. Jahrhunderts gestorben war. Tatsächlich gibt diese Geschichte eine inhaltliche Vorschau über eine Vielzahl von Hauptthemen aus seiner Erzählung: Die Archivierungsleidenschaft des 19. Jahrhunderts, ohne die man nicht gewusst hätte, wer Hariett ist, die Wanderungen von Sträflingen, Arbeitern und Unternehmern, Forschungsreisen von Wissenschaftlern und die Jagt auf Kulturschätze aus fernen Ländern sowie deren Verteilung in Museen rund um den Globus, auf dem Imperien die entlegensten Orte miteinander verbanden. Wie der Titel des Buches vorwegnimmt, geht es Osterhammel nicht um eine teleologische Erzählung von Nationalismus, Kolonialismus, Modernisierung, Standardisierung und Globalisierung sondern um die Erfassung weltweit beginnender Prozessen, in denen er Parallelen und Unterschiede aufzeigt. Darüber hinaus stellt er die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten der Geschichtsschreibung, Chronologie und Geographie mentaler Landkarten als orts- und zeitgebundene Vorurteile in Frage. Als Beispiel nennt Osterhammel die Französische Revolution, die außerhalb von Europa kaum zu spüren war und fokussiert seine Inhalte eher auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert, auf das Victorianische Zeitalter und das fin de siécle wie er es nennt.

Er arbeitet fünf wesentliche Merkmale des 19. Jahrhunderts hervor:

1. Technologischer Fortschritt unterteilt die Welt in arm und reich
2. Wachsende Mobilität durch die Eisenbahn
3. Kommunikative Vernetzung durch Telegraphen
4. Spannung zwischen Gleichheit und Hierarchie
5. Emanzipation

Die Kapitel des Buches bieten ein Panorama der Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts von Lebensverhältnissen und -chancen der Bevölkerung sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, insbesondere in den kolonialisierten Bereichen der Welt. Naheliegend ist auch die Fokussierung auf die Gebiete des amerikanischen, afrikanischen und asiatischen Kontinents und weniger auf die europäischen Nationalgeschichten.
Ein bedeutendes Thema für Osterhammel ist die Sklaverei sowie deren schrittweise Abschaffung im 19. Jahrhundert und die daraus in Verbindung stehenden Diskussionen und deren Bedeutung in den Gesellschaftsteilen. Auch hier zeigt sich Osterhammels Vorgehensweise beim Aufzeigen von Parallelen und Unterschieden, wenn er den Anstieg der Sklaverei in Teilen Südamerikas gleichzeitig mit dem Abklingen auf dem Nordamerikanischen Kontinent vergleicht.
Im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt durch Eisenbahnen, Dampfschiffe und Telegraphen, äußert Osterhammel seine wohl provokanteste These: Das 19. Jahrhundert sei weniger eine Epoche von Nationalstaaten und Nationalismus, sondern vielmehr eine Epoche von zukunftsträchtigen Imperien, die erst im 20. Jahrhundert entweder untergehen (Deutschland), sich umstrukturieren (China) oder von anderen beerbt werden (Großbritannien). Interessant in diesem Zusammenhang ist die Einbeziehung nicht nur der großen Reiche wie Großbritannien, Russland oder China, sondern auch der Staaten, die in der traditionellen Geschichtsschreibung als neue Nationalstaaten bekannt sind.
Diese These belegt er später durch den Vergleich der unterschiedlichen Definitionen von Nationalstaaten mit der Realität von Staats- und Bevölkerungsstrukturen, verfällt aber nicht dazu den Nationalismus als Hauptthema des Buches zu verwenden.
Ein Meilenstein der Geschichtsschreibung!
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Im Grunde genommen könnte ich mir diese Rezension sparen, denn meine Vorredner haben über dieses monumentale Werk von Prof. Osterhammel bereits alles gesagt.

Prof. Osterhammel hebt mit dieser Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts die Meßlatte in diesem speziellen und ohnehin äußerst anspruchsvollen Bereich der Geschichtsschreibung um ein großes Stück an: Ein einnehmender und eleganter Sprachstil, angenehmes Unterlassen von einseitig subjektiver Wertung, sorgsam recherchierte Fakten in wahrlicher Hülle und Fülle. Und für die Ästheten: Wunderschön gebunden und auf qualitativ hochwertiges Papier gedruckt.

Kurzum: So sieht die geschriebene Vermittlung historischen Fachwissens auf höchstem Niveau aus. Glasklare Kaufempfehlung!
Wer und was wir sind...
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Es gibt Bücher, die begleiten einen über einen Zeitraum im Leben, und vieles von dem, was man in dieser Zeit erlebt, wird mit dem, was man liest, in Zusammenhang gesetzt. Und das eröffnet einem dann neue Horizonte, man sieht mit anderen Augen, man versteht Dinge, die man sonst nicht verstanden hätte. Meist sind es die großen, berühmten und langen Romane, von Thomas Mann, von Max Frisch, Thomas Pynchon oder auch von John Irving, bei denen das mir so geht. Doch hier, bei "Die Verwandlung der Welt" war es zum ersten Mal ein Sachbuch, das bei mir diesen Effekt hatte.

Dabei liegt der Grund nicht, jedenfalls nicht nur, in der Länge des Buches. Fast drei Monate hat dieses Buch begleitet. Während dieser Zeit haben mich die Themen dieses Buches kaum losgelassen. Das hat viel Zeit gekostet. Und noch schlimmer, es hat mich auch noch ständig zum Querlesen, zum Nachschlagen in anderen Büchern verführt. Dabei scheint das Thema doch eigentlich trocken zu sein. Laut Untertitel wird hier die Geschichte des 19. Jahrhunderts erzählt. Aber schon das ist eigentlich ungenau. Denn erzählt wird auch schon viel über die amerikanische Unabhängigkeit und die französische Revolution, und auch der Kolonialismus nach 1900 und der Weg zum 1. Weltkrieg kommt nicht zu kurz. Offenbar geht es hier also um ein Jahrhundert, welches mindestens 150 Jahre dauert.

Aber vielleicht ist es gar nicht mal so die Vergangenheit, um die es hier geht. Der eigentliche Titel des Buches, "Die Verwandlung der Welt" trifft es hier viel besser. Es geht dem Autor offenbar darum, zu beschreiben und zu begründen, warum unsere heutige Welt so ist, wie wir sie jetzt erleben. Warum sehen unsere Städte so aus, wie sie heute aussehen? Warum sind sie so groß geraten, haben eine so komplexe Infrastruktur, haben eine Funktion im einem eigenen, globalen Netzwerk, das die großen Metropolen untereinander oft mehr zu verbinden scheint, also diese mit dem Land um sie herum verbunden sind? Warum erleben wir ein ungebremstes Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern, dass historisch ohne Beispiel ist, während ein anderer Teil der Welt Probleme mit der Überalterung und fehlendem Nachwuchs hat (was historisch zumindest selten war)? Wie sind die Massenmedien entstanden, so wir wie sie heute kennen? Wie erklärt sich die merkwürdige Verteilung von Armut und Reichtum in dieser Welt, und ist die Ungleichverteilung eine historische Konstante oder gibt es Alternativen zu der heutigen, spätkapitalistischen Welt? Sind Kapitalmärkte eine temporäre, historische Erscheinung oder einfach eine unvermeidliche Notwendigkeit, wie uns viele Politiker in den letzten Jahren weismachen wollten? Und vielleicht der aktuell spannendste Punkt: Was hat es eigentlich auf sich mit der merkwürdigen Hegemonie der Anreinerstaaten des nördlichen Atlantiks über den Rest der Welt? Der Überlegenheit der "Westlichen Zivilisation"? Und wenn wir über deren Voraussetzungen im 19. Jahrhundert sprechen: Dauern diese eigentlich heute noch an?

Ich persönlich habe ein Gefühl, dass mit diesem Buch eine Art von Standardwerk entstanden ist. Nicht so sehr als Nacherzählung der Geschichte des 19. Jahrhunderts, sondern eher als eine Erklärung der Ursprünge unserer eigenen Zeit. Diese zu verstehen, sich damit selbst zu verstehen, das könnte uns bei vielen aktuellen Konflikten wirklich weiter helfen. Meine Befürchtung ist nur, dass leider viel zu wenige Menschen in unserer Gesellschaft sich die Zeit nehmen werden, sich ernsthaft mit diesem Buch und seinen Inhalten auseinander zu setzen.
Weltgeschichtsschreibung par excellence
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Es gibt keinen lebenden Zeitgenossen mehr, der das 19. Jahrhundert miterlebt hat. Deshalb handelt es sich bei diesem opulenten Werk von Jürgen Osterhammel um einen großen Glücksfall. Lassen Sie sich vom Umfang des Buches nicht abschrecken - Sie werden traurig sein, wenn Sie mit den gut 1300 Seiten durch sind (die über 200 Seiten Endnoten muss man ja nicht so gewissenhaft lesen...)
Mich hat die Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert. Osterhammel gelingt es hier in einer klaren und gut verständlichen Sprache die Quintessenz des 19. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Der Stoff ist nie trocken oder langweilig. Man lernt eine Menge dazu, auch über vorhergehende und nachfolgende Epochen. Hier wird ein Jahrhundert nicht nach Schmema F abgearbeitet (Jahreszahlen, Ereignisse, Personen), sondern als faszinierendes Panorama vor unseren Augen entfaltet. Man erfährt eine Menge über den Alltag (z.B. typische Arbeitsorte, Schulen etc.), was ich immer besonders interessant finde.
Wichtig ist auch, dass es sich bei diesem Buch um eine Weltgeschichte handelt. Natürlich ist die Perspektive relativ eurozentristisch, weil Europa im 19. Jahrhundert eben eine außerordentlich wichtige Rolle gespielt hat, aber Osterhammel geht auch oft von China (er ist Chinaexperte) oder von anderen Ländern aus und zeigt so sehr eindrucksvoll auf, welche unterschiedliche Gewichtung einer Epoche in zwei verschiedenen Kulturkreisen zukommen kann.
In diesem Buch wird ein Jahrhundert lebendig, das eine Vielzahl bedeutender Veränderungen mit sich brachte.
"Die Verwandlung der Welt" ist nicht nur für Akademiker eine interessante Lektüre, sondern für alle, die sich für (Welt)Geschichte und Kulturwissenschaften interessieren.
Ich werde das Buch auf alle Fälle immer wieder zur Hand nehmen.
Sehr zu empfehlen!
Sehr gut, nicht nur für Fachpersonen
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Das Buch ist zwar sehr umfangreich, kann aber auch Abschnittweise gelesen werden, dank der sehr guten Strukturierung. Die einzelnen Abschnitte lassen sich demnach auch einzeln genießen - in etwa wie die Artikel einer detaillierten Enzyklopädie.

Der Autor, Professor in Konstanz, ist einer der modernen, in der Regel jüngeren Historiker, die sich um eine objektive (quasi naturwissenschaftliche) Verankerung ihres Fachs bemühen. Dementsprechend spielt bei ihm der theoretische Zugang zu den untersuchten Ereignissen die entscheidende Rolle: der erste Teil, "Annäherungen", ist der Technik gewidmet, dem Instrumentariums moderner Geschichte, und ich fand seine Ausführungen äußerst spannend.

Man untersucht ja Dinge, die sich in Raum und Zeit zugetragen haben. In welcher Koordinate soll der Historiker also den Schnitt legen: in der Zeit (gewisse Epoche) oder im Raum (Land, Reich, Kontinent, etc)? Untersuchungen, die beides wollen, also ausschöpfend in Raum und Zeit sein möchten, ufern leicht aus.

Der Autor entscheidet sich für eine flexible Mischtechnik, indem er sich relevante Themen vornimmt (etwa: Presse, Religion, Lebensbedingungen, etc), welche er am Beispiel einiger Kulturen vorstellt. Wie hat sich die freie Presse in Europa, Asien und Amerika entwickelt? Diese Regionen sind in etwa seine Leitmotive: Asien und Amerika als Vergleichsterme sorgen dafür, dass das Alte Kontinent nicht mehr als "Nabel der Welt" gilt, und ermöglicht einen globalen Blick.

Auf diese Weise entsteht ein Gesamtbild, aber nicht aus unzähligen Punkten, auch nicht aus groben Linien, sondern aus "Farbtupfern". Es erinnert mich an die impressionistische Malerei, oder an ein grobes Pixelbild, auf dem man zwar Details vermissen mag, aber dafür eine gute Vorstellung der Ganzen bekommt, auch in dynamischer Hinsicht. Für meine Begriffe eine effektive und faire Technik - sehr erfrischend.

Nicht zufällig wird die naturwissenschaftlich geschulte Leserschaft viele der verwendeten Begriffe wieder erkennen: Speichermedien, Statistik, Sattelzeit, Uhr und Beschleunigung, Raum/Zeit, Metageographie, Relativität von Raumvisionen, Interaktionsräume, etc - um einige Stichworte aus dem ersten Teil zu nennen.

Mein Fazit: ein sehr gutes Buch, welches nicht nur Fakten vermittelt (obgleich dieser Aspekt wahrlich nicht zu kurz kommt), sondern auch zum Nachdenken anregt. Ein Buch, das man nach der ersten Lektüre sicherlich nicht im Regal wird verstauben lassen, sondern immer wieder mal hervorholen wird, um sich gut zu unterhalten - und um sich seine Gedanken zu machen.

Einziger Minuspunkt (wofür der Autor freilich nichts kann) durfte der Preis sein. Für Bibliotheken und Fachleute kein Problem, aber welcher Student/Studentin oder gar 'Otto-Normalleser' wird diese Anschaffung en passant tätigen? Hohe Verkaufszahlen hätte das Buch jedenfalls verdient.
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